Wein am Limit - Hendrik Thoma

Beiträge zum Thema "kaiserstuhl"

15.06.2012 - Folge 28 / Teil 1

Billy, der Weinrebell oder „wine nerds“ unter sich

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Weine im Video

Name des Weines Soulfaktor Preisspanne
2010 Grauer Burgunder „Rutz Rebell“
Weingut Holger Koch ,Baden
Soulfaktor 4
20-30 Eur
2010 Riesling „Mölsheim“ „Rutz Rebell“
Weingut Battenfeld-Spanier ,Rheinhessen
Soulfaktor 5
20-30 Eur
2010 Blaufränkisch „Eisenberg“
Uwe Schiefer ,Burgenland
Soulfaktor 5
10-20 Eur

Der Sommelier Billy Wagner aus der Berliner Weinbar Rutz ist heute zu Gast bei „Wein am Limit“. Ich kenne Billy schon eine ganze Weile, und er gehört zu den schillernden Figuren der Weinszene, die ich schätze, weil sie eine Bereicherung für die Branche sind. Genauso extravagant, wie er sich kleidet und benimmt, ist auch sein ausgefallener Geschmack. Er bricht gerne mit bestehenden Klischees und übernimmt die Rolle des Rebellen.

Vor einiger Zeit hat er seine eigene Weinserie unter dem Namen „Rutz Rebell“ ins Leben gerufen. Mit dieser möchte er seine Ideen in Zusammenarbeit mit bekannten Weinproduzenten verwirklichen. Gleichzeitig bietet er ihnen mit der Rutz Weinbar auch eine Plattform, um diese zu vermarkten und sich aus den gewohnten Zwängen des Markts heraus zu bewegen.

Billy geht es mit seiner Kollektion um Frische und „Trinkigkeit“. Zwei in der Weinwelt durch das amerikanische „Weindiktat“ von Robert Parker lange vernachlässigte Eigenschaften. Dabei geht es ihm nicht um leichte Sommerweine, sondern um Stoff, der animierende Tiefe bietet und den Gaumen nicht lähmt.

Billy formuliert es so: „Dass die ‚Rebellen‘ polarisieren und nicht jedem gefallen, ist kein peinlicher Zufall, sondern liegt in der Natur der Sache. Sie erfordern vom Genießer Neugier, Offenheit und führen ihn zu neuen, ungewohnten Geschmackserlebnissen. Ein „Rutz Rebell“ provoziert den bequemen Gaumen und stellt den alltäglichen Geschmack in Frage.“

Wir probieren einen sehr herben, festen Grauburgunder von Holger Koch vom Kaiserstuhl aus Baden. Dieser wird in großen 500-Liter-Eichenfässern gelagert und dann unfiltriert, d. h. ungeschönt, abgefüllt. Das besondere an ihm ist, dass zum gärenden Most ca. 20 % ungequetschte Trauben ohne Stiele und Stängel hinzugegeben werden. Das verleiht dem Wein eine bittere Note –Tanninstruktur –, wie wir es vom Rotwein kennen; und natürlich auch eine Menge Geschmack.

Für den extrem trockenen Riesling von Battenfeld-Spanier aus dem Rheinhessischen Wonnegau wurde ein ähnliches Verfahren angewandt. Die Rieslingstöcke stehen im Mölsheimer Zellertal auf kargem Kalkfelsen und wurden hundertprozentig gesund Mitte November gelesen. Hier haben der Most und die Traubenhäute über einen Monat gemeinsam miteinander verbracht. Ein extremer Vinifikationsstil (Maceration pelliculaire), der zur Folge hat, dass viel Aroma und Tannine aus den Traubenhäuten gelöst wird. Ein quittenartiger Duft mit Grapefruitschale und Kräutern, der die angenehme Bitterkeit im Duft erahnen lässt. Ein extrem trockener Riesling, der provoziert. Mir hat er sehr gut gefallen, weil er die ganze Kompromisslosigkeit dieser Idee rüberbringt. Kein Wein für Konsenstrinker und für mich an der unteren Grenze von 5 Soulpunkten.

Den Blaufränkisch „Eisenberg“ von Uwe Schiefer ist ein fantastischer Wein für seinen Preis. Uwe gehört zu der Generation österreichischer Winzer, die einen sehr authentischen, ungeschminkten Stil pflegen. Seine Blaufränkisch sind keine Blockbuster, sondern finessenreiche Weine, die mich etwas an Burgund oder an die Loire erinnern. Der Eisenberg ist eine der besten Lagen des dicht bewaldeten Südburgenlands, direkt an der Grenze zu Ungarn (Teile der Lage befinden sich auch in Ungarn). Der Boden besteht aus Schiefer, Quarzit und eisenhaltigem Lehm in der Talsohle.

Der Eisenberg ist ein nach süßsauren Früchten duftender Wein mit einer ganz leichten ätherischen Note. Dazu kommt der intensive Duft nach weißem Pfeffer. Er schmeckt trocken auf der Zunge, ist aber nicht rau und hat eine kühle Frische. Am besten trinkt man ihn bei 14-15 Grad. Dann zeigt er seine Fruchtnoten besser und schmeckt saftiger.

Diese Rebsorte, die in Deutschland Lemberger genannt wird, durchlebt zurzeit eine echte Renaissance, zumindest bei einigen Spitzenproduzenten in Österreich. Dieser gelungene Blaufränkisch versinnbildlicht den Spaßfaktor des feinen, neuen österreichischen Weinstils sehr trefflich.

Dann kam Tony Aguado, der „Terroirtranslator“, mit zwei Blindproben aus seiner Heimat. Doch das ist eine andere Geschichte. Dranbleiben, morgen geht es weiter!

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