Wein am Limit - Hendrik Thoma

Beiträge zum Thema "Rotwein"

05.04.2020 - Folge 434

Franck Massard - Priorat perfekt

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Liebe Walinauten,

es klingt paradox. Lange habe ich auf die Weine von Sommeliers nicht viel gegeben. Irgendwie empfanden wir das immer als Marketing und wenig inspirierend. Wie sagt der Volksmund? „Schuster bleib‘ bei Deinen Leisten“. Denn Weinbau ist unserer Meinung nach ein hartes Handwerk und manche berühmte Labels sind erst durch die Arbeit mehrerer Generationen bekannt geworden. Davor haben wir großen Respekt. Einen Rebensaft gekonnt zu kredenzen und zu besprechen ist etwas anderes, als nur den Korken aus der Flasche zu ziehen.

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern (Adenauer)? Wir leben in der Zeit von Entrepeneuren und haben sogar einige Ex-Sommelier-Weine im Programm, wie die von François Morissette von Pearl Morissette, William Wouters, Greg Harrington MS von Gramercy und Ludovic Engelvin aus dem Languedoc. Allesamt respektierte und von der Fachwelt gefeierte Persönlichkeiten. Wahrscheinlich gehen sie anders heran als so mancher Winzer, denn erfahrene Sommeliers können sich mit allen oder vielen Weinen der Welt geschmacklich benchmarken und das Wort Buveability (Trinkigkeit) hat bei ihnen mehr Bedeutung als das Ego eines Star-Önologen. Nun kommt mit Franck Massard eine gestandene Sommelierpersönlichkeit in die Wein-am-Limit-Familie. Lest weiter unten seine Story…

Wer ist Franck Massard?

Der Wiederaufstieg des Priorats begann Mitte der 80iger Jahre, als sich eine Gruppe wilder junger Winzer unter der Führung von Rene Barbier, Alvaro Palacios, José Luis Perez, Daphne Glorian und Carlos Pastrana dem Vermächtnis der Karthäusermönche in dieser gottverlassenen Gegend in der Nähe von Barcelona annahmen. Allesamt sind sie heute anerkannte Größen auf dem Weltparkett des Weines. Während die ersten Pioniere noch stark auf eine Stilistik, geprägt von neuem französischen Eichenholz unter Verwendung internationaler Rebsorten wie z.B. Cabernet oder Petit Verdot setzten, so kamen mit den Jahrzehnten immer elegantere Varianten mit den regionalen Sorten aus Garnacha oder Carignan auf die Flasche.
So hat es auch den ehemaligen UK Sommelier des Jahres 1996, den Franzosen Franck Massard, im Jahr 2004 in das entlegene Priorat verschlagen. Es fing im Dörfchen El Molar an, doch nach kurzer Zeit zog es ihn in das höher gelegene Poboleda auf 300 – 550 Meter über dem Meer. Hier ist der Unterschied zwischen Tages- und Nachttemperatur deutlich stärker spürbar. Seine Weinberge sind keine Monokultur, sondern reich an Biodiversität, auch weil Franck sie ohne Herbizide, Fungizide und Pestizide bewirtschaftet.

Wie schmeckt La Cesta?

Obwohl 14,5% Alk. Weine nicht unserem präferierten Beuteschema entsprechen, waren wir von diesem Stoff von Anfang an begeistert. Wer sich auf Priorat einlässt, der muss solche hohen Werte eben akzeptieren, als ob er einen Boxer im Schwergewicht herausfordert. Die Formel, dass hoher Alkohol gleichbedeutend mit plump und marmeladig ist, geht bei diesem Stoff nicht auf. Die Vergärung und Mazeration der komplett entrappten, handgelesenen Beeren erfolgt langsam und behutsam im Stahltank. Es geht in erster Linie um eine vorsichtige Mazeration und keine starke Extraktion.

Die Reifung erfolgte sechs Monate in gebrauchten französischen 500 Liter Tonneaux Fässern der 2. und 3. Belegung. Minierträge von 1 kg Trauben pro Rebstock sind das Ergebnis rigoroser Selektion im Weinberg. Man spürt die mineralische Kühle des Bodens und die Frische der 550 Meter hohen Weinberge. Diese werden ohne Pestizide und Herbizide ausschließlich manuell bewirtschaftet. Welch köstlicher Duft in der Nase! Sauerkirschen, würziger Pfeffer und getrocknete Kräuter wie Thymian wechseln einander im dauernd verändernden dekadent ätherisch-fruchtigen Aroma r ab. Das Holz drängt sich nicht vor sondern bleibt dezent im Hintergrund. Im Geschmack ist er voll, intensiv, dicht und lang, nicht zuletzt wegen der delikaten feinen Säure. Der 2018er „La Cesta“ ist ohne zusätzlichen Schwefel abgefüllt (weniger als 10 mg freien Schwefel).

Wir wünschen Euch gesunden Spaß im Glas,
Hendrik & das WaL-Team

29.09.2019 - Folge 405

Bell Hill - Neues vom Old Weka Pass - Die Benchmark Neuseelands

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Liebe Walinauten,

rebsortentechnisch gesehen ist die größte Herausforderung für viele Winzer weltweit der Pinot Noir, oder auf deutsch Spätburgunder. Natürlich ist er eine Bank in seiner Heimat, dem Burgund, aber auch anderswo auf der Welt gibt es fantastische Beispiele für diese unvergleichliche Leichtigkeit, luftige Transparenz und delikate Erdverbundenheit, die in keiner anderen Rebsorte mit dieser Finesse zu eigen ist. So auch in Neuseeland, mit seinem moderaten Klima und unverbrauchten Böden, vor allem auf der Südinsel. Seit einigen Jahrzehnten suchen die neuseeländischen Winzer nach den besten Lagen auf den beiden Inseln. Vor allem die windumwehten Plätze in Central Otago und Canterbury ganz im Süden, die zu den südlichsten Weingärten der Welt gehören, sind dabei im Fokus vieler Pioniere und Visionäre. Eines ist sicher, je mehr man ans klimatische Limit geht, desto vielversprechender die Ergebnisse.

Was ist das Besondere an Bell Hill?

In Canterbury haben Sherwyn Veldhuizen und Marcel Giesen 1997 in einem Kalksteinbruch aus den 20er Jahren, nahe der Küste, eine 2,25 Hektar große Einzellage mit Chardonnay und Pinot Noir gepflanzt. Um eine ausgeprägte Biodiversität im Weinberg zu erhalten, haben sie unterschiedliche Klone mit über 11.000 Stöcken (!!!) Pflanzdichte pro Hektar nach burgundischem Vorbild gepflanzt. Die teilweise sehr steilen Parzellen bewirtschaften sie mit großem Aufwand und sorgfältig nach biodynamischen Kriterien. Der Ausbau der jährlichen Jahresproduktion findet größtenteils in feinsten, neuen, französischen Barriques statt. Der Wein wird ohne Schönung, Filtration und manchmal mit einer Minimenge Schwefel auf die Flasche gezogen. Die gesuchte Miniproduktion wird vor allem an ausgewählte Partner auf der Welt verteilt und der Rest geht über eine Mailingliste an treue Privatkunden. Bell Hill Vineyard ist einer der gesuchtesten Weine Neuseelands und viele Kenner der Szene sehen in diesen Gewächsen einen Meilenstein, der seinesgleichen sucht.

Wie schmeckt der Stoff?

Als ich vor knapp zehn Jahren das erste mal Bell Hill während der “Pinot Conference“ in Wellington auf die Zunge bekam, war ich total elektrisiert von der Spannung und Komplexität. Jahre später sollte er mir in New York im „Eleven Madison Park“ auf der legendären Weinkarte nochmals begegnen. Was für eine Leichtigkeit mit Tiefgang und Finesse im Glas! Natürlich hat Bell Hill eine burgundische Attitüde, aber die rotfruchtige Intensität mit dem Punch der südlichen Hemisphäre macht diesen Cru einzigartig. Die kühle, saftige Säure lässt ihn unglaublich lang, mit einem glockenklaren, sanften Ton am Gaumen nachschwingen. Obwohl zu 100% im neuen Eichenholz ausgebaut, ist das Aroma davon nicht maskiert, im Gegenteil: Es trägt den köstlichen Duft der Beere und des Bodens, so elegant und behutsam wie eine Braut vom Bräutigam über die Schwelle getragen wird. Episch!

Ich wünsche Euch mehr Kiwi-Spaß im Glas

Eurer Hendrik

 

Wenn Ihr am Wettbewerb teilnehmen möchtet schickt eine Email mit Euren kreativen Eingebungen zum Thema Neuseeland an wappler@weinamlimit.de

04.08.2019 - Folge 398

Besuch bei Candialle - Flüssiges Gold aus der Conca D'Oro

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Liebe Walinauten,

mit Candialle, bzw. Josephin und Jarkko Peränen, arbeiten wir seit Anbeginn der Zeit von Wein am Limit in 2013 und auch schon etwas länger. Das 12 Hektar große Kleinod befindet sich in einem der schönsten Plätze des Chianti Classicos, der Kernzone des Gebietes, im Örtchen Panzano. Hier liegt die goldene Schale, die Conca d’Oro, mit ihren nach Süden ausgerichteten, kalkhaltigen Lagen auf 300-400 Meter Meereshöhe. Wir schätzen die kühle, mineralische und herbe Frische dieser authentischen Toskana-Gewächse, die klassisch-puristisch sind. Das deutsch-finnische Paar geht unbeirrt seinen Weg und pflanzt auf den unbelasteten Böden Reben in Einzelstockerziehung -teilweise mit hoher Dichte- und bewirtschaftet die Weinberge nach biologischen Kriterien (ohne sich zertifizieren zu lassen). Die beiden betreiben einen hohen Aufwand, wenn es um Erziehungsform und manuelle Arbeit im Weinberg geht. Die Früchte ihrer Arbeit können sich mehr als sehen, vor allem schmecken lassen.

Chianti oder Chianti Classico?

Das Chianti Classico wurde bereits 1716 von Cosimo III. dem Grossherzog der Toskana festgelegt und ist damit eine der ältesten oder vermutlich die älteste Ursprungsbezeichnung der Welt. Klassifiziert wurde damals das Gebiet zwischen den rivalisierenden Städten Florenz und Siena.

Es ist und bleibt verwirrend, auch für den Verbraucher, denn der Unterschied zwischen den Randzonen des Gebietes, dem Chianti, ist enorm. Darüber hinaus gibt es noch eine Handvoll Subzonen, wie das hochgelegene Rufina, oder die Colli Senesi im Süden des Gebietes, die teilweise unter Mussolini hinzukamen. Diese müssen zwar ihren Zusatznamen tragen, sorgen aber für noch mehr Verwirrung.  Für die ca. 7.200 Hektar Chianti Classico gelten die Bestimmungen, dass mindestens 80% aus der Sorte Sangiovese (Sange Jove – das Blut Jupiters) stammen müssen. 20% dürfen entweder aus lokalen Sorten wie Canaiolo oder Colorino stammen, oder internationalen Playern wie Merlot und Cabernet Sauvignon. Weiße Sorten sind seit 2006 nicht mehr erlaubt.

Die Mindestreife beträgt ein Jahr nach der Ernte, immer ab Oktober des selben Jahres. Für die „Riserva“ sind zwei Jahre, davon min. drei Monate auf der Flasche, und für die neue Qualitätsstufe “Gran Selezione“   30 Monate, davon min. drei Monate auf der Flasche, Pflicht.

Was ist das Besondere an Candialle?

Die Weine von Candialle sind für uns der Inbegriff der Toskana. Die Chianti Classicos bestehen hauptsächlich aus Sangiovese und Malvasia Nera und/oder Cannaiolo. Herrlich “old school” und dabei so zeitgemäß.

Das Paar beweist nicht nur für die lokalen Sorten, sondern auch für die weitgereisten  Merlot, Cabernet Franc oder Petit Verdot, teilweise in der Blend ein gutes Händchen. Interessanterweise schmeckt man selbst bei diesen charakterstarken, internationalen Sorten das einzigartige Terroir der Conca d’Oro heraus. Immer mit einer kühlen frische, steinigen Mineralität und einer elegant-fruchtigen Note duften die Weine nach der wilden, herben Toskana.

Der Ausbau findet nicht exzessiv, sondern behutsam und durchdacht in Holzgebinden, Stahltanks und Zementgefäßen statt. Somit wird die Einzigartigkeit dieses besonderen Ortes im Glas eingefangen. Es gibt berühmtere Namen in diesem renommierten Gebiet, sicherlich, aber Candialle ist eine der großen Entdeckungen, die man hier machen kann.

Wir wünschen Euch noch mehr toskanischen Spaß im Glas, tanti Saluti,

Euer Hendrik

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