Wein am Limit - Hendrik Thoma
22.11.2017 - Folge 321

Grau, Grau, Grauburgunder!

Liebe Walinauten,

auch wenn es schon wieder ein paar Tage her ist. Herzlichen Dank für die vielen lieben Wünsche zu meinem 50. Geburtstag. Es war einfach toll sich von Euch hochleben zu lassen. Wir sind momentan unter Arbeit begraben, aber Zeit für eine neue Folge muß sein.

Zehn Flaschen Grauburgunder, samt eines neuen Rimowa Koffers, haben mir zehn deutsche Sommeliers zum Geburtstag geschenkt. Wer erinnert sich noch an das Drama vom vorletzten Jahr, als zwei nagelneue Koffer einfach auf dem Flug nach La Palma verloren gingen? Nun ja, Air Berlin gibt es nicht mehr und auch keinen Ersatz, außer eine Menge Ärger mit der deutschen Gerichtsbarkeit, teuren Anwaltsgebühren und den orientierungslosen, unverfrorenen Mitarbeitern der Airline. Recht haben ist eine Sache, es zu bekommen eine andere. Uns war es eine Lehre. Gefangen in der Welt der „Big Corporates“.

Wenn man sich heute in den sozialen Netzwerken eindeutig äußert, wird einem das sofort übel genommen, das erfährt man so am Rande und hinter vorgehaltener Hand, aber Gott sei dank bin ich noch nicht taub. Anscheinend muß immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen!“ sein. 

Weil ich in einem FB Post einen kaltvergorenen, restsüßen Grauburgunder als passionsloses Tröpfchen beschrieben habe, wurde ich zur Kategorie der “GB Hater” hinzugefügt. Überall diese Schwarz-Weiß-Denke. Nun, ich bin nicht angetreten um langweilige Weine für „Wein am Limit“ oder als Sommelier zu finden. Wenn ich in ein Restaurant gehe, dann möchte ich Weine mit Charakter trinken. Ansonsten wird die Aufnahme von diesem zur bedeutungslosen Alkoholbeschaffungsmaßnahme und ist für mich kein Genuss mehr.

Jeder kann und soll alles trinken dürfen, das ist meine eindeutige Meinung. Wir leben ja nicht in Nordkorea oder Zimbabwe. Allein schon deswegen, kann und sollte es genauso erlaubt sein, zu sagen, was einem nicht gefällt. Allerdings kommt hierzulande sofort der Mob des Mittelmaßes der einen versucht runterzuziehen oder der Borniertheit zu bezichtigen.

Mir gefällt (oder mich inspiriert) es nicht, dass viele Winzer eine bestimmte Art Grauburgunder keltern, die nur darauf abzielt marktgerecht zu sein. Viele würden ihre eigenen Weine nicht trinken, aber angeblich will der Kunde es nicht anders. Es gefällt mir noch viel weniger, wenn solche Suppen dann teuer in der Gastronomie verkauft werden oder in der Publikumspresse als großartig bezeichnet werden. Dafür geben sich dann sogenannte Expertengremien her, die ihren Namen gerne in der Zeitung lesen (das habe ich früher auch gemacht, was ich heute sehr bedaure). Damit wird der breiten Öffentlichkeit vorgegaukelt, dass man Spitzenweine auch für 2,— € kaufen kann. Es stand ja schließlich in der Zeitung.

Es bleibt mir als Kunde das Privileg etwas anderes zu bestellen oder erst gar nicht in solche Restaurants (man bestellt einen Grauburgunder egal von wem, Hauptsache Grauburgunder) zu gehen. Es gibt viele tolle -auch bezahlbare- Weine auf der Welt, die Alternativen sind reichlich und dann gibt es noch einige Grauburgunder die mir gut schmecken. Meine Lieblingssorte wird er wahrscheinlich nicht mehr, aber er kann ja nichts dafür was mancher Zeitgenosse aus ihm macht.

Auf mehr Spaß im Glas,

Hendrik

PS. Auf die 10. Pulle Grauburgunder von Florian Seufer-Wasserthal vom Paulysaal aus Berlin warte ich noch immer!

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Kommentare

6 Kommentare zu “Folge 321 – Grau, Grau, Grauburgunder

  1. Ein spannendes Video, weil unterschiedliche Weine einer Rebsorte vergleichen wurden – mehr davon!! 🙂

    In Folge 266 hattest du ja den Grauburgunder RS von Konrad Salwey verkostet, der ziemlich gut bei dir abgeschnitten hatte.
    Mich würde interessieren, wie du ihn hier einordnen würdest, Hendrik!

    Schöne Grüße – SVEN

    PS: Danke für den Tipp, mal wieder in die Fischerklause zum Lütjensee zu fahren und einen schönen Abend bei Gerhard Retter zu verbringen.

  2. hallo hendrik,
    schöne verkostung – das eine sind die worte, das andre der gesichtsausdruck … immer wieder schön 🙂
    danke für die kurzweil !
    eine schöne zeit
    harald

  3. Das “Ranking” überrascht mich nicht wirklich. In D ist Baden DIE Region für mich in Sachen GB, interessant wird’s für mich unter anderem auch dann, wenn man das, was offensichtlich bei dieser Traube in den Schalen steckt, auch in den Wein läßt. Den Pfaffmann-GB habe ich übrigens mal bei einer Feier als Standard-Wein eingesetzt; für mich absolut kein Wein, der mich auch nur ansatzweise vom Hocker haut, aber die überwiegend nicht-weinaffinen Gäste fanden ihn durch die Bank toll. Da hat der Herr Retter schon recht. Es wundert mich ein bißchen, daß die Sommelier-Kollegen nichts aus Südtirol beigesteuert haben, da gibt’s einige sehr schöne und frische Pinot Grigios vom Berg, die da meiner Meinung nach durchaus oben hätten mitspielen können.

    1. Hallo Plongel,
      hier ist Holger die Reblaus. 🙂

      Ich finde es schade, dass Hendrik den Wein von Pfaffmann nicht probiert hat. Zumindest kann ich es im Video nicht erkennen.

      Ich selber habe den eingelagert. Grauburgunder finde ich generell gut, aber auch nur, wenn er gut gemacht ist. Dafür ist der Weisse Burgunder nicht so meins. Obwohl ich auch Flaschen im Keller habe, die mir sehr schmecken. Aber die sind echt selten. Die Selection GB “Lütjensee” für Gerhard Retter hat nichts mit den platten GB´s zu tun, die man üblicherweise bekommt. Der hat Säure, Dichte und Struktur. Klar kann er nicht das leisten, was ein Riesling leisten kann, aber m.E. ist der für einen GB sensationell.
      Besser einen guten GB als einen schlechten Riesling.

      Aber natürlich hast du recht: Ein Fehler versaut den ganzen Wein.

      Liebe Grüße aus Oberhausen

      Holger die Reblaus.

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