Wein am Limit - Hendrik Thoma
26.01.2014 - Folge 155

Sind wir nicht alle ein wenig restsüß?

Weine im Video

Name des Weines Soulfaktor Preisspanne
2012 Zilliken Riesling (Liter)
Weingut Forstmeister-Geltz Zilliken, Mosel
Soulfaktor 4
10-20 Eur
2011 Saarburger Rausch Riesling Kabinett
Weingut Forstmeister-Geltz Zilliken, Mosel
Soulfaktor 4
10-20 Eur
1995 Saarburger Rausch Riesling Auslese
Weingut Forstmeister-Geltz Zilliken, Mosel
Soulfaktor 6
10-20 Eur

Liebe Walinauten,

das 11 Hektar große Weingut Forstmeister Geltz-Zilliken in Saarburg ist ein Klassiker der deutschen Weinbranche. Es wird heute in der 10. + 11. Generation von Hanno Zilliken und seiner Tochter Dorothee leidenschaftlich betrieben.

Auf diesem Weingut wurde durch Generationen ein Stück deutsche Weingeschichte geschrieben. Hannos Grossvater war einst Gründungsmitglied des VDP (Verband deutscher Prädikatsweingüter) und ein Kämpfer für den traditionellen Moselstil.

Der Ausbau in den feuchten Kellern des Weingutes dauert für alle Qualitätsstufen ca. 5-6 Monate. Der Wein vergärt und reift in diesem Zeitraum in 70 Jahre alten Fuderfässern. Diese prägen einen Teil der komplexen Aromatik. Jeder Jahrgang wird gleichzeitig auf die Flasche gezogen und reift unter optimalsten Bedingungen in den Katakomben des Weingutes bei fast 100%tiger Luftfeuchtigkeit. Die Trauben stammen alle aus eigenem Anbau von den Toplagen Saarburger Rausch und Ockfener Bockstein. Soviel zu den Fakten.

Der geschmackliche Stil von Zilliken lässt sich am besten so beschreiben: Es sind Weine von unglaublicher Feinheit und Leichtfüßigkeit, unterlegt mit dezenter Fruchtsüße. Die Weine wirken so wunderbar transparent, leicht im Alkohol und schmecken animierend. Dabei werden sie geprägt von rauchiger Mineralität der Schiefer- und Diabasböden.

Der Literwein von den Zillikens ist der Hammer. Ein köstlicher, frischer Riesling, den man am liebsten „auf Ex“ austrinken würde. Viel Citrus und Apfel in der Nase und geschmacklich enorm harmonisch. Wie die meisten 2012er Rieslinge zeigt er schon in diesem frühen Stadium eine bezaubernde Aromatik.

Der Saarburger Rausch Kabinett ist ein typischer Saarwein mit einer phantastischen Präzision und Feinheit mit 8 Volt. Ein Universalwein der zu vielen Gerichten und Lebenslagen passt. Ein Klassiker, der im Gault Millau Weinguide als bester Wein seiner Kategorie ausgezeichnet wird. Ich sehe diesen Wein ganz nahe den 5 Soulpunkten, vor allem in ein paar Jahren.

Da der Jahrgang 2013 mengenmäßig sehr mager ausfällt, hat sich die Familie entschieden ein paar reife Gewächse aus den feuchten Kellern freizugeben. Hier lagern größere Partien unterschiedlichster Qualität und Jahrgänge. Nicht alles wird sofort für den Verkauf freigegeben. Mit dieser Verkaufspolitik möchte man die wachsende Nachfrage befriedigen und gleichzeitig zeigen wozu diese Tropfen auch nach Jahrzehnten fähig sind. Wer einmal das Glück hatte einen reifen Riesling von Zilliken zu probieren, der wird zum bekennenden Süchtigen.

Die 95er Auslese hat sich prachtvoll entwickelt. Ein Feuerwerk im Glas: Brotkruste, Butterscotch, Dörrobstaromen wie Aprikosen, Pfirsich, exotische Früchte und Rauch versammeln sich zu einer komplexen Melange, die sich an der Luft ständig verändert. Die Säure ist durch die Reifung abgemildert und die Süße spürbar, aber nicht störend oder pentrant, wie es leider häufig bei schlecht gemachten Rieslingen der Fall ist. Im Gegenteil: In diesem Stoff zeigt sich die meisterhafte Hand und das über Generationen gewachsene Feingefühl für diesen Klassiker.

Es freut mich sehr, dass sich dieser verspielte Weinstil wieder wachsender Beliebtheit erfreut. Denn er fordert vom Weintrinker eines: Ehrlich zu sich selber zu sein und zu seinem Geschmack zu stehen.

Liebe Grüße,

Hendrik

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Kommentare

14 Kommentare zu “Folge 155 : Sind wir nicht alle ein wenig restsüß?

  1. Vielen Dank auch für diese interessante Folge. Ich finde es sehr gut, wenn Weingüter auch reifere Weine anbieten können und würde mir wünschen, dass das mehr Winzer dieses Potenzial nutzen würden, auch wenn es natürlich wirtschaftlich tragbar sein muss. Aber nur an reiferen Weinen kann man meiner Meinung nach zeigen, dass Spitzengewächse/Auslesen ihren Aufpreis gegenüber guten und sehr guten Lagenweinen/Spätlesen auch wert sind. Und besser gelagert als in meinem Keller sind die Flaschen im Weingut ohnehin… Das Thema kommt ja hin und wieder bei WaL vor, aber es könnte für meinen Geschmack noch eine größere Rolle spielen.

  2. Mal wieder ein sehr geiles Format Hendrik! Gehört und gelesen hat man ja schon von dem Weingut, aber jetzt werde ich mich wohl auch endlich mal an die Kabinette machen müssen…Du hast wieder gute Fragen gestellt und somit war das Augenmerk nicht immer nur beim Wein! Klasse, tolles Format!

  3. Schöne Folge. Moselrieslinge haben einfach was. So gewann in einer spontanen Kellerverkostung ein Riesling vom Karthäuserhof gegen alle anderen Weine (die auch nicht schlecht waren), die wir dort probiert haben. Er hatte da immerhin auch schon 4 Jahre hinter sich.
    Auf jeden Fall finde ich allgemein, dass viele Weine einfach zu jung getrunken werden. So vor allem GGs. Ich würde mich auch über mehr Folgen mit älteren Semestern freuen.

  4. 1993 Saarburger Rausch, Weingut Forstmeister Geltz-Ziliken, Saar ist ja schon in Folge 64 vom 8. November 2012 vorgestellt worden.
    https://weinamlimit.de/2012/11/08/64-folge-frische-baby/

    Den Riesling QbA trocken Forstmeister Geltz Zilliken, 0,75l, 2011 hatte ich mir Anfang 2013 schon gegönnt. Ssssssssauer – aber sonst frei von störenden Botrytis oder was weiß ich für Aromen. Die Beschreibung weiß von der typischen „Saarzitrone“ zu berichten, danach muss mich der Mut verlassen haben, finde sonst keine weiteren Notizen zu diesem Weingut.

    Was mich positiv beeindruckt ist die Aussage von Hanno Zilliken Videominute: 15:07 – sinngemäß: „wir haben unsere Stilistik nie geändert, wir haben uns unsere Märkte weltweit gesucht, Exportanteil 70%“ – richtig so, gefällt mir. 😉

  5. Vom Facebook Fauxpas gelernt: Prüfnummer die auf 96 endet ist 95er Wein der 96 fertig und geprüft wurde 🙂 Fand ich super, dass das Weingut da sofort geantwortet hat.

    Ich hab die 95er Spätlese vor kurzem 2 Mal probiert. Einmal in New York und einmal in Deutschland. Meistens schmeckt der Wein nach so langem Transport ja undefiniert anders oder verliert an Ausdruck, Umgebung etc. zählt auch noch mit. Der Wein aber war wirklich zwei mal Klasse! Unverwüstlich. Absolut geiles Teil. Und die Zillikens machen auch einen richtig sympathischen Eindruck. Von solchen Menschen kauft man doch gerne Wein.

  6. Klassesendung, sehr sympathische Winzer und Klasseweine. Hoffe, das Weingut schickt nach Wien.
    Ich glaube aber, daß dieser Wahn, nur trockene Weine zu trinken, vor allem von Weinkritikern in der Vergangenheit aufgebracht wurde. Viele von den Herrschaften (Du bist nicht gemeint) outen sich jetzt seit ein paar Jahren als Verfechter feinherber und edelsüßer Weine. Ich bewundere an diesem Weingut, daß sie immer ihrer Linie treu geblieben sind und nicht auf die Idee kamen Rieslingreben durch Sauvignon Blanc zu ersetzen oder ähnliche Torheiten.
    Kürzlich habe ich reifen Ziegenkäse mit einer Rieslingspätlese von 2001 kombiniert. Wahnsinn.

  7. Wir finden die Folgen bei denen du die Weingüter besuchst und vor Ort berichtest immer Top!
    Sehr informativ. Ausserdem glauben wir, dass der Exportanteil bei dem Vermarktungstalent von Frau Ziliken rapide sinken wird und der Großteil dieser Superweine doch wieder in Deutschland verkauft werden wird 😉

  8. Ich habe von Geltz Zilliken bisher nur die Kabinettweine probiert. Die waren super saftig und gekühlt im Sommer der Hit. Haben sogar den Männern geschmeckt, obwohl ich süß eher mit den Mädels in Verbindung bringe. Das GG aus 2011, welches noch im Keller liegt, kann noch etwas warten. Im Vergleich zu anderen Moselgrößen, die auch fast ausschließlich fruchtsüßen Riesling abfüllen, ist Geltz Zilliken dabei sogar sehr günstig. Unbedingte Empfehlung. Was fruchtsüßes wäre auch für den Livestream mal eine Idee. Hatten wir bis jetzt noch nie.
    Wie siehts aus, Cheffe?

  9. Sympathische Winzer! Auch dass man einem Teil der Weine die Zeit zum Reifen gibt und erst später in den Verkauf kommen, finde ich toll. Schöne Folge!

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