Wein am Limit - Hendrik Thoma
20.11.2012 - Folge 66

Alles Mullineux, oder was?

Weine im Video

Name des Weines Soulfaktor Preisspanne
2012 Chenin Blanc „Kloof Street“
Mullineux Family Wines, Swartland
Soulfaktor 4
10-20 Eur
2010 Syrah
Mullineux Family Wines, Swartland
Soulfaktor 5
10-20 Eur
2010 Syrah „Granite“
Mullineux Family Wines,
Soulfaktor 6
10-20 Eur

Chris und Andrea Mullineux gehören zu den neuen leuchtenden Sternen am Kap der guten Hoffnung. Ihr erster Jahrgang war 2008 und auf Anhieb ein gefeierter und vielbeachteter „Hit and Run“. Über Nacht wurde das junge Weingut zum Liebling der südafrikanischen Weinszene. Aber auch international finden sich ihre Weine auf den besten Weinkarten wieder. Ihr überschaubares Sortiment gehört zu dem am höchsten bewerteten des Landes (2010er Syrah ist Rotwein des Jahres im „Platter Guide“). Die Mullineux-Weine sind allesamt kleine Juwelen von großartiger Handwerkskunst. Unprätentiös, herrlich trinkbar und clever ausgebaut.

Das Mann-und-Frau-Team gehört zur der Riege gut ausgebildeter junger Winzer, die internationale Erfahrung auf den besten Weingütern gesammelt haben. Man bedenke, dass sich Südafrika – trotz seiner 350-jährigen Geschichte – erst seit 1994 richtig öffnen konnte. Vorher hatte der Weinbau eher zentralistische Züge und wenig Individualität, insbesondere wegen der über 70 Jahre andauernden Apartheid.
Andrea ist eine italienischstämmige Winzerin aus San Francisco, die bei bekannten Weingütern wie Cakebread und El Molino im Napa Valley gearbeitet hat. Chris stammt aus Kapstadt und war u. a. bei dem weltberühmten Sine Qua Non in Kalifornien und bei Château Mont-Redon im Châteauneuf-du-Pape-Gebiet. Beide haben eine große Passion für die Weine der Nordrhône, wo sie beide zusammen gearbeitet und sich kennen gelernt haben. Die Inspiration für klassische Weine merkt man ihren Gewächsen an. Trotzdem bleiben sie dem Boden, den Reben und dem Klima ihrer neuen Heimat, dem Swartland, treu.

Das kleine Familienweingut befindet sich in der Ortsmitte des bunten Dorfes Riebeek-Kasteel. Irgendwie erinnert es an die Entspanntheit der kalifornischen Surfermetropole Santa Cruz: total „relaxed“ und genussvoll, mit vielen netten kleinen Restaurants, Cafés und freundlichen Leuten ausgestattet. Den Ortskern bildet ein charmantes Hotel im Kolonial Stil, das Royal Hotel von 1862, das sich einmal im Jahr zum Festivalzentrum der Swartland Revolution entwickelt. Hier findet sich ein fröhlicher, bunter Haufen zusammen, um dem neuerwachten Geist südafrikanischer Regionalität zu frönen. Denn das warme Klima des Swartland hat mehr zu bieten als nur fruchtige, plumpe Weine. Auf den Schiefer, Granit- und Sandsteinböden wachsen derzeit einige der besten Syrah- und Rhôneblends der neuen und auch alten Welt. Weine mit relativ bescheidenem Alkohol und mineralischer Frische. Die Techniken, die zum Ausbau und zur Kelterung angewandt werden, sind klassisch, mit wenig Holzeinfluss und kraftvollen Gerbstoffen, da die Stiele und Stängel bei der Vergärung mitvergoren werden. Ich denke, in diesem Interview wird klar, wie ernst und aufrichtig die Mullineux zu Ihrer Botschaft stehen. Sie keltern keine überlagerten Holzsuppen, sondern Weine, die nach ihrer Herkunft, dem Swartland schmecken. Bei aller Fröhlichkeit sind die beiden hundert Prozent professionell und präzise bei ihrer Arbeit. Wenn man das kleine Weingut besucht, merkt man schnell wie gut alles durchdacht und organisiert ist. Dasselbe gilt für das Management ihrer Weinberge. Das Wort Zufall ist hier unbekannt. Ihnen zur Seite steht eine der faszinierendsten Frauen der Weinbranche, die Weinberaterin Rosa Kruger. Niemand am Kap versteht mehr von Weingärten und wie diese zu bewirtschaften sind als die „Grande Dame“.

Mir gefällt bei den Mullineux besonders gut, dass sie sich bei allem Erfolg ihrer Mission treu bleiben. Denn für beide gilt: „Family comes first!“

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Kommentare

12 Kommentare zu “Folge 66 : Alles Mullineux, oder was?

  1. „Ihr erster Jahrgang war 2008 und auf Anhieb ein gefeierter und viel beachteter „Hit and Run“.“

    „Hit and Run“ – diese Redensart steht für einen nur einmaligen Überraschungserfolg. Gut, den viel zitierten „Durchbruch“ kann etwas oder jemand nur einmal erleben, es sei denn er oder es schaffts später noch einmal und feiert ein erfolgreiches „Comeback“. 🙂

    Die einzige positiv wertende Begriffserklärung fand ich dazu aus dem Bereich der Medizin. Ein Organismus der einmal von einem Virus befallen ist schützt sich vor weiteren Attacken indem er Antikörper gebildet hat. Das ist auch beim Wein so, je mehr ich probiere, desto weniger anfällig bin ich für die Versuchung unüberlegt drauflos zu kaufen. Sollte ich dabei wirklich was verpasst haben, hab ich eben Pech gehabt. Da ich das aber nicht weiß, ist es auch nicht so schlimm. Freue mich trotzdem immer auf die Begegnung mit neuen Wein-Erregern.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hit_and_Run

    Zu „Ein paar Bilder…“

    Was mich an den Bildern besonders beeindruckt hat ist die Abwesenheit von schwarzen Afrikanern, es sind nur weiße zu sehen.
    Etwa in der Mitte der Seite sieht man eine gemütliche ältere schwarze Frau die am Buffet in einer großen Schüssel rührt. Fast ganz zum Schluss finde ich dann noch einen jungen schwarzen Afrikaner der am Tisch sitzt, Glas Wein hebt und sehr aufmerksam zu sein scheint um bloß nicht in Ärger verwickelt zu werden.

    Bei Wikipedia fand ich, dass Swartland am Südende von Namibia liegt, direkt an der Küste und seinen Namen von Sträuchern erhielt die so dunkelgüne Blätter haben, dass die Landschaft im Sommer schwarz aussieht. Die Urbevölkerung wurde als sie anfing sich gegen die Kolonialisierung zu wehren einfach ausgerottet – zack, schon konnten die weißen Kolonialisten dort Landwirtschaft betreiben, seit 300 Jahren wird Wein angebaut. Der soll sogar richtig gut sein.

    So kann man das Apartheidproblem also auch lösen – es gibt nur Weiße – fertig! ;o)

    Na ja, ich hab ja keine Ahnung wie es da in Wirklichkeit abgeht, die Arbeit im Weinberg und sonstiger Landwirtschaft wird bestimmt nicht nur von den Weißen alleine gemacht, bei der Arbeit wird man wohl genug Schwarze finden – aber hier ist ja eine
    Party von der per Fotos berichtet wird.

    Vor 2000 Jahren waren wir hier die Eingeborenen und die Römer haben die Landschaft geräumt und Wein angepflanzt! ;o) Aber wir haben die Römer rausgeschmissen! Geschichte muss sich nicht wiederholen, trotzdem hätte ich als Weißer keine Lust in Südafrika oder sonst wo in Afrika zu leben. Tja – muss ich ja auch nicht! :o)

    1. Zu „Ein paar Bilder…“

      Die Frage warum man auf südafrikanischen Wein Events so wenig Schwarze sieht lässt sich relativ einfach erklären. Es liegt im Unterschied der Kulturen begründet. Der Anbau von Wein und der damit verbundene Lebensstil wurde vor über 350 Jahren von den europäischen Einwanderern ins Land gebracht. Zu glauben das unsere Art zu leben die einzig richtige sei und das all diejenigen die nicht nach den gleichen Genüssen streben wie wir zwangsläufig unterdrückt wurden, ist denke ich der völlig falsche Ansatz. Gerade das Western Cape von Südafrika ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Holländer, Franzosen, Britten, Deutsche, Portugiesen, Italiener, Griechen, Inder und Afrikaner aus allen möglichen Ländern Afrikas leben hier gemeinsam und schaffen eine unwahrscheinliche Vielfalt der Kulturen die den besonderen Reiz von Südafrika aus macht. Müssen wir also anderen Kulturen unseren Lebensstil oktroyieren, um der so genannten “Apartheit” entgegen zu wirken?

  2. Ich fühle mich Südafrika durch einen längeren Arbeitsaufenthalt sehr verbunden, besonders den schwarzen Menschen, mit denen ich eng zusammenarbeitete. Die Geschichte der Kolonialzeit und der Apartheid ist bitter und traurig, ohne Frage. Heute hat sich jedoch viel geändert. Besonders die Weinindustrie zusammen mit dem Projekt “Black Economic Empowerment” sorgen derzeit für positive Impulse. So fördern die schwarze Bevölkerung u.a. aktiv am landwirtschaftlichen Sektor teilzuhaben, u.a. in der Weinindustrie. Auch große Weinimperien wie KWV oder Distell sind hier aufzuführen. So verkaufte KWV 2004 ca. 25% der Aktien an schwarze Konsortien u.a zur Förderung schwarzer benachteiligter Gruppen. Gleichzeitig wird hier auch eine ökologische Weinkultur propagiert. Sie wollen eine”vibrierende, geeinte, nicht-rassistische, prosperierende Weinkultur” etablieren. Viele Top Weingüter haben schwarze Kellermeister ( Raats Family, Maluti ) oder sind komplett in schwarzem Besitz z.B. M`hudi. Muratie nennt einen seiner Weine “Ansela van de Caab” in Gedenken an eine Sklavin. Beyers Truter von “Beyerskloof” unterstützt das Nachbarweingut Bouwland, welches seinen Arbeitern gehört( und von der BEE gefördert wird).
    Dies sind nur ein paar positive Beispiele , wie die Weinindustrie das Zusammenleben der verschiedenen Hautfarben fördert. Wie genau die Situation im Swartland ist bezüglich Autonomie und Integration von Schwarzen weiss ich leider nicht . Würde mich jedoch sehr interessieren.

    Die südafrikanischen Folgen waren beide super Interessant. Die Weine klingen spannend!
    Gruß M.K.

  3. Zwei wirklich interessante Videos aus Südafrika, sympathische engagierte Winemaker. Bisher habe ich wenig Erfahrung mit Weinen aus Südafrika, aber das kann ja noch werden. Und mein lieber Kollege (kein Weintrinker) macht im Dezember Urlaub in S.A. und ich bleibe hier und mache die Arbeit :-(.

  4. Hallo, Hendrik!

    Uppss, da muss wohl folgender Beitrag in den Mullineux-Mixer gefallen sein? 😉

    “Eine weitere sehr interessante und die damaligen Gegebenheiten
    beleuchtende Geschichte ist die von Saartjie Baartman

    http://www.dctp.tv/filme/heimkehr-hottentotten-venus/
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Baartman

    Auf die Erwähnung der Liebesgeschichte von Ansela van de Caab im Beitrag von Markus K. nannte ich die ebenfalls liebenswerte Saartjie Baartman und empfahl das Interview das Alexander Kluge mit Prof. Gesine Krüger dazu führte. Gut, Alexander Kluge ist nicht jedermanns Geschmack, aber es sind die leisen Töne und sehr besonnenen Sätze der Professorin die vieles erhellen was früher und heute die Stellung der südafrikanischen Urbevölkerung angeht. Sie spricht da von “indigene Bevölkerung” und deren Identität und Selbstbewusstsein. Ich fand es sehr interessant, dass sich diese Bevölkerungsgruppe sehr deutlich auch von den zugewanderten Schwarzafrikanern abgrenzt.

  5. Wenn mich nicht alles täuscht, handelt es sich bei dem Chenin Blanc doch um den neuesten Jahrgang des Weines, den wir auch in der interaktiven Verkostung hatten. Warum wird das denn mit keinem Wort erwähnt? Da wäre es doch interessant gewesen, mal einen Vergleich zu ziehen und eine Prognose zu wagen, ob dieser Jahrgang sich ähnlich entwickeln wird. So wie der Wein hier beschrieben wird, hat er ja anscheinend mit dem 2009er (noch) nicht viel Ähnlichkeit.
    Witzig finde ich auch, dass die überaus sympathischen Winzersleute sich offenbar nicht sehr um die Konventionen der Weinverkostung scheren: Da wird schon mal der Syrah direkt auf den Chenin Blanc gekippt, ohne die Gläser zu klären oder der Wein, der zum Klären der Gläser benutzt wurde, kurzerhand runter geschluckt – sehr entspannt! Süß auch, wie die Dame des Hauses immer in die Kamera lächelt 🙂

  6. Alles Swartland oder was?
    Wirklich nette Gastgeber hattest du da. Viele würden eine Kamera in den heiligen Hallen nicht gern sehen. Wenn mir mal ein roter der Beiden in die Hände kommt, werde ich auf jeden Fall mal probieren. Wer ja was für die nächste interaktive Verkostung. Wie sich der Granite gegen die Konkurrenz von der Rhone schlägt ist sicher interessant. Meine Meinung zum Weißen aus Südafrika habe ich ja schon bei der 60. Folge erwähnt.

    Einen schönen Sonntag noch…

  7. Dass ist sehr interessant mit der weine von Süd Afrika, leider ist es nicht möchlich die weine in Dänemark zu finden, so kann eigentlich gut ein par hinweise brauchen wo in Deutschland man sich kaufen kann ??.
    Wünscht euch alle ein schönes sülwesterfeier.
    Flemming

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