Wein am Limit - Hendrik Thoma
04.06.2016 - Folge 264

André, der Held vom Heldenplatz

Weine im Video

Name des Weines Soulfaktor Preisspanne
2015 Espontaneo / Blanc de Noir
Ludovic Engelvin, Languedoc
Soulfaktor 5
10-20 EurDetails
2015 Riesling "Von den Terrassen"
Weingut Knebel, Mosel
Soulfaktor 4
10-20 Eur

Heute ist ein alter Freund und Weggefährte zu Gast. Mit dem Franco-Italiener André Nini habe ich mehrere Jahre im Hamburger Hotel Louis C. Jacob gearbeitet. Er ist ein Sommelier der alten Garde mit unglaublicher Passion und Fingerspitzengefühl für die “Trinkstimmung” seiner Gäste.

Vor kurzem hat er sich, gemeinsam mit seinen beiden Partnern Julia + Markus, einen langgehegten Traum erfüllt. Ein eigenes Restaurant in Hamburg, in dem einfach, aber gut gekocht wird und eine exquisite ausgesuchte Weinkarte auf die Gäste wartet.

Das besondere am Restaurant Heldenplatz ist eigentlich aber das “Spätkonzept”. Bis weit nach Mittnacht, ggf. auch um 2.00 Uhr morgens gibt es hier noch warme Küche, selbst ein Menü mit korrespondierenden Weinen. Der Heldenplatz hat seinen Focus auf Gastronomen und Nachtfalter, denen um diese Uhrzeit nach mehr zu Mute ist als nur ein fettiger Döner oder eine Phosphatstange mit Cola, gerichtet. Eine Bereicherung und Glücksfall für die Hamburger Gastronomie, den ich mit dieser Folge gerne unterstützen möchte. Wir brauchen in Hamburg mehr als nur diese vielen austauschbaren Biedermeier Lokale, sondern Gastronomen die in erster Linie wert auf die Qualität ihrer Produkte legen. Die gibt es, aber zu wenige… .

André hat einen Wein aus seiner Weinkarte ausgesucht, der bei WaL kein Unbekannter ist. Matthias Knebel alias “The Bachelor” ist mittlerweile ein gefragtes Fotomodell. Letztlich posierte der gut-aussehende Winzer in der deutsche Ausgabe der GQ als Dressman.

Aber nur hübsch sein ist nicht alles. Matthias ist ein großartiger Winzer, der auf der steilen Schieferhängen der Terrassen Mosel bei Winningen elektrisierende Rieslinge keltert. Der 2015er Riesling “von den Terrassen” kommt grandios im Glas daher: fruchtig, würzig, dicht und im Geschmack saftig frisch, sowie kompakt. Ein klasse Wein und im Einstiegsbereich von allerhöchster Qualität. Eigentlich fast gefährlich in dieser Preisklasse so gut zu sein, denn was soll da noch kommen?

Der 2. Wein ist ein weißgekelterter Grenache Noir aus dem nördlichen Languedoc. Der Espontaneo von Ludovic Engelvin aus Vic le Fesq ist mit seiner hellen Kupferfarbe und ganz leichten Trübung ein Hingucker.

Ludo einer der kompromisslosesten und mutigsten Winzer in der Wein am Limit Familie. Wahrscheinlich kann nur ein Seiteneinsteiger so unbekümmert Weine keltern. Seine ländlichen Nachbarn halten ihn für einen Spinner. Er hat unser anderem als Sommelier und Weinhändler gearbeitet, um sich später seine Sporen bei keinem geringeren als Didier Daguenau an der Loire, einer der großen Lichtgestalten des französischen Weinbaus, zu verdienen.

Ludo arbeitet retro im Weinberg mit Tieren und Pflanzen, bearbeitet jede Parzelle von Hand und interveniert kaum im Keller. Rechtzeitige, frühe Lese, spontane Vergärung, keine Schönung, Behandlung oder Filtration, geringe Schwefelung und Ausbau in in großen und kleinen gebrauchten Fässern.

Der “Espontaneo” ist pur, kristallin und glockenklar. Es ist, als wenn man an Salzsteinen lecken würde. Knochentrocken und erfrischend mit feiner Säure. Primärfrucht mit Dosenobstaroma sucht man vergebens. So stelle ich mir einen hellen, eleganten Rosé vor. Perfekt zu Seafood oder auch einem herzhaften Wurst- und Salamiteller und auch als Apero. Der ungewöhnliche Name steht für die Wild- und Unbekümmertheit der blutlosen, aber nicht ungefährlichen Variante, des französischen Stierkampfes.

Ein Wein ohne Schönfärberei und nichts für halbsüß kalibrierte + gemainstreamte Zungen. Oder vielleicht doch? Denn es ist an der Zeit wach zu werden und endlich wieder was zu schmecken, was echtes + authentisches nämlich.

Mehr Spass im Glas,

 

Hendrik

 

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Kommentare

5 Kommentare zu “Folge 264 – André, der Held vom Heldenplatz

  1. Herausragende Folge – ihr habt viele wichtige Themen angesprochen, die leider alleine schon abendfüllend wären…also keine Chance in nur 23 Min. auch nur ansatzweise diesen gerecht zu werden!
    Zunächst mal, “Bon Chance” an André für sein mutiges 18-2h Konzept! Das etablierte 4+4 hat nämlich in der Gastro schon seine kaufmännische Berechtigung…
    Dann kurz zum Thema Dt. Wein: auch meine vorherrschende Meinung, “too much Geisenheim”, wie ein amerikanischer Journalist einst feststellte…der deutsche Wein eben nebst einer kleinen Avantgarde und vielen excellenten Rieslingen oft zu technisch und langweilig!
    Weiter zu französisch “trocken”:
    Wer trocken trinkt, trinkt Frankreich. Ganz klar. Keine Kompromisse. Unvergleichbar. In Deutschland herrscht meist unverbesserlich die Mogelpackung…nicht nur in Zucker gemessen, sondern auch in süßlich wirkenden Polysacchariden und Eiweissverbindungen…
    Am ehesten bewegen sich derzeit die deutschen Pinots in Richtung frankophiler Trocken- und Kargheit…, zumindest ein kleiner Anfang in diese Richtung…
    Stimmiges Konzept von André, Weine in vier Stimmungsstufen einzuteilen: jeder connoisseur wird es von sich selber kennen, am besten hast du für jedes Geschmacksverlangen verschiedenste Weinstile vorrätig und am besten auch kühlgehalten 😉
    Die Abschlussfrage zum Thema “Genuss” ist schnell beantwortet:
    er steht über allem und möchte am liebsten Ewigkeit!

  2. da wird man doch gleich wach – um die mittagszeit
    danke für eine, wiedereinmale sehr frische und garnicht trockene “sendung”
    diese art der diskussion passt auch wunderbar zur frage nach dem genuss (wenns auch nicht wirklich eine frage war)
    genuss ist auch sich mal 23 minuten in den monitor hineinziehen zu lassen, wollte sogar nach dem glas greifen

    herzlich und ehrlich
    ich wünsche dem team vom heldenplatz allen erfolg dieser welt !

    harald

  3. Moin…!
    Hier kommen viele Erinnerungen an die gemeinsame Zeit im Jacob hoch. Danke dafür! Eine super Show. Ihr habt eine tolle Harmonie als Helden-duo.

    Auf bald im Heldenplatz!

    Jan

  4. Hallo Hendrik,

    lange nicht soviel Spaß beim Ansehen des Videos gehabt (stellenweise richtig gelacht) unterhaltsam und informativ zu gleich ! Würde gerne mehr über “orange” erfahren… gibt es dazu schon ein Video von Dir ?
    Und der Heldenplatz wird als bald besucht !! Super gemacht ihr beiden Helden !! 🙂

    Und um die Frage zu beantworten: das Leben ist zu kurz um nicht zu genießen – ein Tag ohnen einen Genußmoment (in welcher Form auch immer) ist ein verlorener Tag !

    LG
    René

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